frei Schnauze!

die ultimative Hundeantwort


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Du, Flegel ! – der pubertierende Hund

Belgian Shepherd leashed and aggressive against white backgroundUnser Hund kann theoretisch alles was er „können“ sollte und weiß dies auch. Dachte ich zumindest bis vor Kurzem. „Hier“, „Sitz“, „Aus“, „Bleib“ und sonstige Grundkommandos beherrscht er mustergültig. Ein echter Streber. Wenn man seinen Namen ruft, scheint er zu wissen das er gemeint ist, wenn er sich von mir entfernt und mittels „Hier“ gerufen wird, kommt er. Beim Gassigehen zieht er mich nicht hinter sich her, im Gegenteil, er geht an der locker gehaltenen Leine, und sobald wir einem anderen Hund oder Menschen begegnen, verhält er sich „normal“ und geht weiter.

Bereits im Welpenalter habe ich ihm vieles erlernt und bin begeistert wie schnell und nachhaltig er dies alles beherrscht.

Ich werfe mitleidige Blicke auf andere Hundebesitzer, bei denen dies so ganz anders ist und welche vermeintlich am Ende ihrer Kräfte zu sein scheinen, wenn es um das Thema „Hundeerziehung“ geht. Viele von ihnen haben scheinbar vor ihrem Hund kapituliert, so das in deren Mensch-Hund Beziehung mittlerweile der Hund das Sagen hat.

STOP, einmal Rückspulen bitte! Ich befinde mich derzeit in einer Hundebesitzer-Phase, in welcher es mir nicht viel anders geht als den Menschen, denen ich noch vor einem Monat meine mitleidigen Blicke zugeworfen habe und mir dachte „Zum Glück ist das bei uns nicht so!“

Was ist mit meinem 10-monatigen Junghund los? Was ist aus diesem Musterknaben geworden? Welcher Schalter im Kopf wurde vor einigen Wochen umgelegt ohne daß ich hierauf hingewiesen wurde? Was habe ich falsch gemacht? Habe ich etwas übersehen? Mache ich derzeit etwas falsch? Geht das vorbei?

Ein „Sitz“ wird nun generell beim ersten Mal überhört, „hier“ scheinen wir nie gelernt zu haben und „Toni“ wer ist das? Eine Leine kennt mein Hund auch nicht mehr, diese scheint, wenn es nach ihm ginge, nicht mehr benötigt zu werden, denn „Herr Hund“ möchte nun beim Gassigang selbst entscheiden in welche Richtung es geht. Andere Hunde denen wir begegnen sind plötzlich „Feinde“, bei deren Anblick mein sozialisierter, liebevoller Familienhund zur Bestie mutiert.

Na Bravo! Willkommen in der Pubertät, der „Flegelphase“ wie diese auch genannt wird. Da das Wort „Flegel“ jedoch so negativ behaftet ist, versuche ich dies hier zu vermeiden.

Ich wusste daß es diese Phase gibt, dachte aber in meinem jugendlichen Leichtsinn diese Phase eventuell überspringen zu können und unser Hund würde über Nacht vom Junghund zum adulten Hund werden. Falsch gedacht.

Die Pubertät hat uns fest im Griff.

Experten empfehlen in dieser Phase „die Nerven zu behalten“ und dem Hund gegenüber Ruhe und Souveränität auszustrahlen.  Das sollte man auch und das muss man auch.

Übertriebene Strenge und Härte dem pubertierenden Hund gegenüber sind das falsche Erziehungsmittel und sind definitiv hinderlich für die weitere Bindung und Entwicklung. Ich weiß dies alles, theoretisch, sage es mir auch täglich, und trotzdem gelingt es mir nicht immer, diese Regel einzuhalten. Denn es nervt, es nervt unglaublich.

Wie ihr seht bin auch ich nur ein Mensch der nicht jeden Tag gleicht gut gelaunt ist und der nicht täglich mit der nötigen Portion Geduld und Ausgeglichenheit versehen ist. Ich kann hier schnell klug schreiben und könnte mich ebenfalls als „Mrs. Perfect in Sachen Hundeerziehung“ darstellen, dies verbietet mir allerdings meine „freiSchnauze“ Einstellung.

Die Pubertätsphase beim Hund fordert einiges an Reserven beim Hundehalter, denn wie bei pubertierenden Kindern, äh, Jugendlichen, so testet auch der „fast“ erwachsene Hund seine Grenzen aus und „bockt“ bei allem was er tun oder nicht tun soll.

Um diese wilde Phase gut zu überstehen muss man konsequent bleiben. Ich selbst habe in den letzten Wochen gemerkt, daß ich die notwendige Konsequenz fast außer Acht gelassen hätte und habe das ein oder andere Mal meinem Hund seinen Willen gelassen nur damit ich Ruhe habe. Das Ergebnis durfte ich schnell sehen.

Wenn er nicht nach dem zweiten „Hier“ nicht gekommen ist, dachte ich „lass es halt bleiben“ , wenn er an der Leine zog wie ein Zugpferd, weil er unbedingt auf die andere Straßenseite wollte, habe ich nachgegeben bevor mir meine Schulter ausgekugelt wird und wenn er mir, obwohl ich ihn dreimal auf seinen Platz geschickt habe, dreimal nachgelaufen ist, habe ich es beim vierten Mal ignoriert.

Wenn er wie eine wilde Bestie, andere Hunde beim Spazierengehen angeknurrt und mit fletschenden Zähnen angebellt hat, habe ich ihn angeschrien.

Was bin ich nur für eine Hundemutter?

Das war nicht gut, gar nicht gut. Also, alles zurück zum Anfang!

Wie wir es schaffen werden unseren „Halbstarken“ wieder auf normales Niveau zu bringen, dazu später. Vorab beschäftigt mich die Frage was in dieser, für mich unnötigsten, Entwicklungsphase mit meinem Hund passiert.

Die Adoleszenz-Phase, also die Zeit des Heranwachsens, wird von jedem Hund durchlebt und ist eine wichtige Phase in der Entwicklung eines Hundes.

In dieser Phase erreichen die Junghunde ihre Geschlechtsreife, was jedoch nicht gleichermaßen bedeutet das sie nun erwachsen sind. Man beschreibt die Adoleszenz-Phase als die Entwicklungsphase des Hundes zwischen der Geschlechtsreife und dem Erwachsensein. Der Zeitpunkt und die Dauer können von Rasse zu Rasse und Hund zu Hund von unterschiedlicher Dauer sein. Bei dem einen Hund setzt diese Phase früher ein, beim anderen später. Im Regelfall tritt diese jedoch zwischen dem 7. Und 12. Monat ein.

Ein Zeichen der beginnenden Adoleszenz-Phase bei Rüden kann die Tatsache sein, das sie mittels Beinheben ein Markierverhalten an den Tag legen, Hündinnen werden in dieser Phase zum ersten Mal läufig.

Okay, das Markierverhalten ist bei uns stark erkennbar, zu stark. (aber dies möchte ich in einem anderen Beitrag beschreiben)

Woran kann man aber nun erkennen, daß der Hund von der Pubertät in Beschlag genommen wurde? Hier einige Anzeichen

  • Der Hund wird EMPFINDLICH was spontane Berührungen betrifft. Teilweise zuckt er regelrecht zusammen, wenn er spontan angefasst wird.
  • ENTSPANNUNG durch direkte Berührung fällt ihm schwerer und es dauerst somit länger bis er mittels ruhigem Streicheln in eine entspannte Haltung zurückkehrt
  • UNKONZENTRIERTHEIT bei der Beschäftigung lässt sich erkennen, da der Hund am liebsten zehn Dinge auf einmal tun möchte. Spielen oder doch lieber ruhen? Auf dem Kauknochen kauen, oder doch lieber zu Herrchen kommen und gestreichelt werden?
  • Die neu entdeckte FREIHEIT wird beim Spazierengehen deutlich. Der Hund entfernt sich nun wesentlich weiter von uns als noch vor Wochen.
  • MARKIEREN „was das Zeug hält“. Phasenweise muss sich der Hund nochmals umdrehen wenn er beim Vorbeigehen eine scheinbar interessante Geruchsstelle „überrochen“ hat, teilweise wird hier sogar der Urin des Vorgängers regelrecht aufgeschleckt um einen noch intensiveren Eindruck über dessen Hormonstatus zu erlangen.
  • Ein schnelles ERREGUNGSNIVEAU, welches nur langsam zu sinken scheint ist erkennbar.
  • VERTEIDIGUNG und HORTEN von RESSOURCEN kann sich dahingehend äußern, daß Knabbersachen in Sicherheit gebracht werden und nicht mehr seelenruhig in Anwesenheit von anderen Hunden genossen werden können.
  • SPIELVERHALTEN : ein vormals noch ausgelassenes Spiel zwischen befreundeten Hunden kann plötzlich forscher werden und dient nun der Herstellung der Rangordnung.
  • Plötzlich wird ein bis dato noch nicht erlebtes JAGDVERHALTEN erkennbar.

Ich sag mal so: würde ich „Hunde-Pubertäts-Lotto“ spielen, hätte ich nun nen Sechser mit Zusatzzahl und Super-Joker. JACKPOT!

Das klingt nach einer ausreichenden Portion geistigem Stress den unsere „jungen Wilden“ nun durchleben, und das ist es auch für sie. Der Junghund nabelt sich nach und nach ab und wird nun langsam erwachsen.

Im Großen und Ganzen ist er nun anfälliger für Stress, da in seinem Gehirn eine Großbaustelle Einzug genommen hat. Erinnern wir uns an unsere Pubertät – eine chaotische Gefühlswelt.

Mit der Einstellung „das geht schon vorbei“ haben wir hier allerdings den falschen Ansatzpunkt. Klar, es geht schon vorbei, irgendwann und irgendwie. Der Hund der allerdings am Ende dieser Phase „herauskommt“, wenn wir diese Phase mit der „es geht schon vorbei“-Einstellung ignorieren wird jedoch ein anderer sein, als der, den wir als süßen Welpen und gelehrigen Junghund hatten.

Ich selbst ertappe mich bei Mitmenschen mit Sprüchen wie „das hat er noch nie gemacht“ oder „das macht er nun mit Absicht“. Merke auch das mein tägliches Training weniger wurde, da ich davon ausging das er ja alles mit Bravour beherrscht und kehre mit dieser Erkenntnis nun zurück zu meinem alten, täglichen Training.

Welch schwierige Folgen es haben kann, wenn ich nicht zu meiner früheren  Konsequenz zurückkehren würde,  möchte ich hier aufzeigen

  • Die Mensch-Hund Beziehung kann gefährdet werden da man sich, gegenseitig, emotional gefrustet, nach oben schaukelt wodurch man schneller lauter wird als vorher was das Vertrauen des Hundes sinken lässt
  • Angst-, und oder Aggressionsverhalten kann hieraus entstehen
  • Der Hund wird frustriert, da er seinen Bedürfnissen nicht mehr nachkommen darf

So, nun habe ich den theoretischen Teil ausreichend beschrieben, fehlt scheinbar nur noch die Praxis.

Und „ja“ ich habe aus meinen Fehlern gelernt und begleite unseren Hund mit Geduld und Konsequenz in dieser Entwicklungsphase.

  • Ich achte nun wieder mit Bedacht darauf zuerst die Haustür zu verlassen bevor es nach draußen geht.
  • Sobald unser lieber Toni an der Leine glaubt, vorpreschen zu müssen, bleibe ich stehen und warte bis er zu mir zurückkehrt. Ich vermeide es ihn an der Leine zu mir zurück zu zerren, warte bis er an meine Seite kommt und mich anschaut, und gehe erst dann weiter. Diese Prozedur kann zeitweise 2,3 Minuten dauern, aber ich merke das er so langsam wieder merkt, wer entscheidet, wann gegangen wird.
  • Wenn ich hundische Artgenossen sehe dann nehme ich ihn nicht gleich fest an die kurze Leine und gebe ihm somit nicht das Gefühlt „Gefahr in Anmarsch“ und wenn er den anderen Hund anbellt, schreie ich ihn nicht an, da dieses Anschreien ihn in seiner Erregung bestärken kann. Nein ich gehe einfach weiter, und wenn er sich ruhig verhält wird er belohnt.
  • Wenn er sich im Freilauf befindet, übe ich verstärkt „Hier“ und belohne ihn wenn er kommt ohne ihn gleich wieder anzuleinen. Wenn er beim zweiten „Hier“ nicht kommt, dann hole ich ihn, leine ihn an und gehe mit ihm weiter.
  • Wenn es an der Tür klingelt, wird Toni auf seinen Platz geschickt und muss dort warten bis unsere Besucher unsere Wohnung betreten haben. Ein Anspringen und Anknabbern der Besucher wird NICHT toleriert.
  • Sobald ich ihn auf seinen Platz schicke, achte ich darauf daß er auch dort bleibt, ich übe dies so lange, bis dies auch funktioniert und erlöse ihn dann wenn er liegen geblieben ist.

Kurzum, ich bin der Herr im Haus und außer Haus sowieso. Trotz allem darf unser Hund sich ausleben, darf rennen, spielen und lernen. Dies alles versuche ich mit einem ruhigen aber bestimmten Ton zu begleiten ohne zu Schreien.

Was soll ich sagen? Ich war kurz vor der Resignation, das gestehe ich, habe mich aber zusammengerissen und gemerkt, daß es mir und uns im Zusammenleben nur besser gehen kann, wenn ich diese Phase akzeptiere und zu meiner alten Stärke als Rudelführer zurückkehre.

Heute wurden nur noch zwei von vier Hunden angebellt und der 40 minütige  Spaziergang, der mittels stop and go um circa 30 Minuten erweitert wurde, führte letztlich dazu das ich wieder einen Hund hatte, der an der locker gehaltenen Leine an meiner Seite trabte.

So soll es weitergehen…. Toni, bitte werd schnell erwachsen….

photo: Fotolia.com

Quellen:

https://www.welpenclub.com/mensch-hund/erziehung/flegelphase-konsequenz-und-humor-sind-gefragt/

http://www.welpen.de/service/queisser/entwicklungsphasen-des-welpen.htm

http://www.easy-dogs.net/home/blog/training/heike_benzing/adoleszenz_benzing.html

http://www.partner-hund.de/info-rat/gesundheit-vorsorge/das-sexualverhalten-des-hundes/der-hund-in-der-pubertaet.html

http://www.markt.de/contentId,Hundepubertaet/inhalt.htm

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